Kein Geheimnis: „Paradies: Glaube“ erhält in drei Wochen den „Europäischen Filmpreis“ fürs beste Sounddesign. Auch fünf weitere Einzelleistungen wurden schon vorher verraten – angeblich ist das gut für die Filmkünste. | Foto © EFA

Der „Europäische Filmpreis“ wird zwar erst einen Tag nach Nikolaus verliehen, aber ein paar Gewinner kann man ja ruhig schon vorher verraten – würde ja sonst allzu spannend, die ganze Angelegenheit. Und außerdem geht’s hier um Gewerke, mit denen eh kaum einer was anfangen kann, mag sich die Europäische Filmakademie gedacht haben. Anders kann ich es mir einfach nicht erklären, warum sie schon Ende Oktober die Auszeichnungen für Kamera, Schnitt, Szenen- und Kostümbild, Filmmusik und Sounddesign bekannt gab – sechs Wochen vor der Preisgala am 7. Dezember in Berlin. Nur auf Regie, Drehbuch und Schauspiel dürfen wir weiterhin gespannt sein.

Vielleicht ist es ja so gedacht: Dass Catherine Deneuve für ihr Lebenswerk geehrt wird und Pedro Almodóvar für seine Verdienste ums Weltkino, weiß ja auch schon jeder. Und da ist es doch schön, wenn den „sonstigen Kategorien“ (oder als was auch immer die Filmkünste abgetan werden) die gleiche Ehre widerfährt. Netter Gedanke, bloß rauschen die Meldungen über die beiden Prominenten selbstverständlich durch den echten wie virtuellen Blätterwald und machen Werbung für die Preisverleihung. Aber nach den sechs Einzelgewerken kann man sich die Finger vergeblich wund googeln – jedenfalls da, wo nicht nur ein Fachpublikum erreicht werden soll (und darf wetten, wer wohl bei der nachträglichen Fernsehübertragung der Gala so alles rausgeschnitten sein wird).

Dabei hatte doch die Akademie erst in diesem Jahr ihr Vergabeverfahren geändert, „um den Preisträgern dieser Kategorien eine größere Aufmerksamkeit zu geben.“ Und ich hatte mich da schon über die seltsame Verlautbarungspraxis gewundert. Zumal auch die neuen Regeln einer recht eigenen Logik folgen: Die Akademiemitglieder wählen die Preisträger nicht mehr direkt, sondern erstellen lediglich eine Auswahl, über die dann eine siebenköpfige Jury befindet. Immerhin vertreten drei dieser Juroren die entsprechenden Gewerke, die anderen vier sind Regisseure, Produzent und Festivalleiter.

Nun wollte ich mir ja gerne vorstellen, dass auch ein Filmkomponist gelegentlich zu Nadel und Faden greift und Kameraleute nach Feierabend in ihrem Tonstudio im Hobbykeller ausspannen, also sich so prima in den fremden Gewerken auskennen, dass sie die auch locker mal in der Produktion übernehmen könnten. Dann müsste ich mich aber fragen, warum es diese Gewerke überhaupt noch braucht. Oder warum nicht der Regisseur, der da fachkundig mitentscheidet, nicht gleich auch selber die Musik zu seinem Film schreibt und die Kamera macht …

Gibt’s ja tatsächlich, solche Universaltalente, und mir ist auch klar, dass ein erfahrener Regisseur und ein Produzent schon ganz gut einschätzen kann, was die anderen da so fabrizieren. Vom Fach sind sie trotzdem nicht. Und das mit dem Einschätzen gilt auch andersherum. Aber Regie, Drehbuch und Schauspiel werden nicht etwa von der selben Jury begutachtet, sondern weiterhin von allen Akademiemitgliedern gewählt. Der „Deutsche Filmpreis“ hat da ein anderes Verfahren, das die Filmkünste ernster nimmt: Eine Jury, in der alle Berufsgruppen vertreten sind, trifft aus den Einreichungen eine Auswahl, aus dieser bestimmen die Angehörigen der jeweiligen Berufsgruppen die Nominierungen, über die schließlich alle Akademiemitglieder abstimmen.

Die Konzentration auf eine kleine Jury birgt noch eine weitere Gefahr (die ich hier freilich nicht unterstellen will): Sitzt in der Runde zur Endauswahl bloß ein Experte eines Gewerks, ist es wahrscheinlich, dass der da seine persönlichen Vorlieben durchdrückt. Bei einem Szenenbildner etwa, der gerne auf dokumentarischen Realismus setzt, wird es eine opulente Ausstattungsorgie vermutlich schwer haben.

Wie eingehend auf europäischer Ebene diskutiert wurde, kann ich natürlich nicht sagen. Die Begründungen für die Preisvorgabe, aus denen die Akademie da (wohl, um den Preisträgern dieser Kategorien eine größere Aufmerksamkeit zu geben) nur Fragmente veröffentlicht hat, lassen nicht allzu tiefe Gedanken vermuten. Da lobt man eine „intuitive Kameraarbeit, die sowohl realistisch als auch poetisch ihre Charaktere“ beobachte, einen Schnitt, der „unzählige Bedeutungen innerhalb der Geschichte zuläßt“ oder ein Szenenbild, das „maßgeblich zu Handlung und Stil des Films“ beitrage. Wenn das mal keinen kontinentalen Preis wert ist! Nun denn – die diesjährigen Preisträger in den verkannten Filmkünsten:

Bildgestaltung: Asaf Sudry für „An ihrer Stelle“ (Israel).
Montage: Cristiano Travaglioli für „La grande bellezza – Die große Schönheit“ (Italien/Frankreich).
Szenenbild: Sarah Greenwood für „Anna Karenina“?(Großbritannien).
Kostüm: Paco Delgado für „Blancanieves“ (Spanien/Frankreich).
Musik: Ennio Morricone für „The Best Offer – Das höchste Gebot“ (Italien).
Sounddesign: Matz Müller und Erik Mischijew für „Paradies: Glaube“ (Österreich/Deutschland/Frankreich).

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