Das Ende der illegalen Online-Videothek kino.to zeigt auch, wie wenig das Urheberrecht verstanden wird.

„Online-Jäger“ gegen „Raubkopier-Mafia“! Dass die „Bild“-Zeitung den Lauf der Welt gerne in so einfache wie dramatische Bilder packt, weiß man ja, und ein bisschen bewundere ich sie auch für ihr Sprachgefühl. Es hatte ja was von einem Krimi, wie vorige Woche eine der beliebtesten Websites des Landes abgeschaltet wurde: „Vier Millionen Nutzer täglich“ sollen auf der Website Kino.to nach neuen und alten Filmen, Serien in Deutsch oder Originalversion und sogar Dokumentarfilmen gesucht haben, weil es die da umsonst zu gucken gab. Das Problem daran: Kino.to hatte keine Rechte an den betreffenden Werken.

Mussten sie auch nicht, meinten die Betreiber, die auf der Website extra betonten, dass sie diese Filme nicht selbst anbieten, sondern lediglich auf die Server sogenannter Streamhoster verlinkten, wo die Filme zu finden seien – allerdings mit ausführlichem Service wie Inhaltsangabe und Datenbank mit Suchfunktion, an denen sich auch offizielle Online-Videotheken etwas abgucken konnten. Auch die Serverbetreiber waschen sich die Hände in Unschuld: Sie könnten ja nicht kontrollieren, was ihre Nutzer so auf ihre Speicherplätze hochladen.

Rechtlich befindet man sich in einer sehr dunkelgrauen Zone, in der sich prächtig Geld verdienen ließ. Millionen Euro soll Kino.to mit Werbung für Erotik-Dienste, Pokersites und Online-Spiele verdient haben, während die Streamhoster am anderen Ende des Links ihren Besuchern gerne kostenpflichtige Abonnements unterschoben. »Das System Kino.to wurde nur zu dem Zweck etabliert, Geld zu machen – mit Material, das andere produziert haben«, meint Christine Ehlers, die Sprecherin der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzung (GVU), die seit drei Jahren versuchte, das Filmportal zu schließen. Die Betreiber selbst stellten sich lieber als Retter der Entrechteten und Unterdrückten dar, weil doch „bei sieben Millionen Hartz-IV-Empfängern die Preise für jegliches Medium definitiv zu hoch“ seien.

Ähnlich sehen es Anti-Lobbyisten wie ein gewisser Anton Schellong, der spontan eine Demonstration gegen die Abschaltung organisiert hatte, weil man nicht zulassen könne, dass das Internet durch veraltete Institutionen zerstört wird: „Kino.to hat die größere Auswahl geboten als die Content Mafia. In einer Marktwirtschaft ist es doch folgendermaßen: Der, der das bessere Angebot hat, gewinnt. Und dann wundert sich die Filmindustrie noch, warum ihre Gewinne einbrechen?“

An gleicher Stelle meldet sich auch Volkes Stimme zu Wort. Hier in Gestalt eines pensionierten Radfahrers: „Also ich mache ja auch illegale Dinge im Internet […] Eigentlich ist das natürlich so halb-legal. Ich lade Musik runter, ohne etwas zu bezahlen. Aber selbstverständlich mache ich das mit legalen Programmen.“

Ein bißchen Unsicherheit scheint da mitzuschwingen, obwohl, wer es wissen wollte, es schon vorher an populärer Stelle nachlesen konnte.

Viel spannender finde ich aber die Diskussionen zum Thema. Die „Bild“ hatte ihre Meldung zur Razzia gleich mit einer Umfrage versehen, in der die Sympathie-Frage etwas verklausuliert gestellt wurde: Ob man „überrascht“ über die hohen Besucherzahlen auf Kino.to sei. Die mitgelieferte Begründung bei der Nein-Antwort ist ein Argument, dass auch Herstellern von Cabrios und Sportschuhen zu denken geben sollte: „Bei den unverschämten Kino-Preisen ist das kein Wunder!“.

Fündig wird man auch im Forum von „Spiegel online“ – „Spiegel“-Leser wissen ja bekanntlich mehr. Und manche können auch prima agumentieren. Hier meine Top Ten, mit dem Spitzenreiter für alle überbezahlten Filmschaffenden ganz oben (alles Zitate – Rechtschreibung und Zeichensetzung habe ich stillschweigend korrigiert, Ergänzungen zum Verständnis der Zusammenhänge und Auslassungen in Klammern gesetzt):

1. Schauspieler kassieren im Schnitt 10 Millionen für einen Film. REM erhielt 80 Millionen für 5 CD, MJ über 100 Millionen von Sony.

2. Film- und Musikindustrie – alles Abzocker. Sollen sich nicht wundern, dass es alles umsonst im Netz gibt. Ist auch richtig so.

3. Wenn ich weiß, dass ein CD-Rohling nur 2 Cent kostet, warum soll ich 19 Euro für die gleiche CD zahlen? Die Preise sind nicht gerechtfertigt.

4. Viele, die bewußt illegal schauen, würden nie Originale kaufen: [Es gibt also] keine Neukunden durch [das] Schließen von illegalen Angeboten.

5. Ich weiß auch, dass, was ich mache, Diebstahl ist, darum geht es auch nicht, jeder, der downloaded, weiß das. Die Frage ist, ob es einen interessiert. Und ich habe keine Probleme damit, mein Gewissen plagt mich nicht. Warum auch? Ich als kleiner User werde bestraft, und andere (Politiker/ Stars/Superreiche etc.) können Verträge brechen, wie sie wollen beziehungsweise Gesetze auslegen, wie Sie wollen. Das gleiche mache ich dann auch.

6. [Bei Musik kostet der legale] Download als MP3 ca. 1 Euro je Song, bei einem Album wieder ca. 15 Euro wie eine CD. Und das in schlechterer Qualität! Und es gibt keine Herstellungs-, Transport- und Vertriebskosten, das heißt, es wird mehr Gewinn gemacht, anstatt diese Einsparungen an die Kunden weiterzugeben.

7. Wenn ich mir eine BD oder DVD kaufe, ärgere ich mich jedesmal über die unnötig lange Aufklärung, dass Raubkopien illegal sind, bei den illegalen Filmen ist das alles rausgeschnitten. Da werden nur die ehrlichen Kunden unnötig gegängelt.

8. Oder die Regionalcodes bei DVD und BD [Blu-ray].

9. Im Kern geht’s doch immer das Gleiche: nämlich um die Pfründe-Erhaltung riesiger Konzerne, die den einschlägigen Markt unter nahezu vollständiger Kontrolle haben (was beinhaltet, dass es kein Markt mehr ist…). Und sorry – ich finde, wir haben da wesentlich wichtigere und drängendere Probleme als den Schutz irgendwelcher Konzern-Interessen…

10. Bei diesen (sicherlich verfolgungswürdigen) Urheberrechtsverletzungen trifft nichts, aber auch gar nichts auf den Straftatbestand „Raub“ zu: Es wird keine Gewalt angewendet. Es wird nicht gedroht. Es wird sich keine fremde bewegliche Sache angeeignet. Faktisch werden Bits & Bytes einfach illegal kopiert und dann illegal verbreitet. Klar das klingt jetzt völlig langweilig, lapidar und unspektakulär. Also nennen wir es doch einfach „Raubkopieren“, das klingt richtig actionreich, gefährlich und bösartig. Widerliche Polemik ist das!

Ende der Zitate. Übrigens, auch in der Diskussion um die Argumente zeigt man sich versiert. Etwa bei diesem Einwand:

„Ja, die Einkommen der Schauspieler und Musiker sind tatsächlich aberwitzig hoch, und Preise für Kino, DVDs, Blu-rays etc. sind auch für mein Empfinden zu teuer. Nun ergibt das aber immer noch nicht das Recht, mir das Werk stattdessen illegal zu beschaffen.“

Was reagiert man auf so etwas? Zum Beispiel mit einer unnachahmlichen Argumentations-Pirouette:

„Nein, das Recht habe ich nicht. Aber es ist ein Mittel, sich gegen zu hohe Preise zu wehren.“

Und ein bisschen bewundern wir den „Spiegel“-Leser für diese rethorische Eleganz.

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