Der Schauspieler Matthias Brandt hat ein Buch geschrieben. Unser Autor ist bezaubert. |  Foto © ZDF, Oliver Vaccaro

Viele brave Bürger, die Naivität von Christian Drosten und der staatliche Eingriff in die Gesichter aller Menschen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 68.

„Was ist eigentlich eine zweite Welle? Das ist gar nicht so genau definiert.“
Christian Drosten, Virologe

„Die Welt war jung und Deutschland ein Wort/ Und Squash war noch gar kein Sport
Da machte Urlaub noch richtig Spaß/ Und im Fernseh’n gab’s ,Wünsch Dir was!’
Als Willy Brandt Bundeskanzler war / Hatte Mutti noch goldenes Haar
Waren Cindy und Bert noch ein Paar / Als Willy Brandt Bundeskanzler war“
Funny van Dannen

 

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ – mit diesem Gedicht schrieb sich Paul Celan auf immer in die deutsche Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Celan ist einer der rätselhaftesten (oder verrätseltsten?) und womöglich undurchschaubarsten Dichter deutscher Sprache. In den 60er-Jahren genoss er den Ruhm eines Popstars des Bürgertums, Idol der postfaschistischen Heideggerianer genauso wie der neuen jungen Dichter der Moderne, die ihn zu ihren Tagungen der „Gruppe 47“ einluden – aus denen wiederum über den Auschwitz entkommenen Siebenbürger Juden auch das boshafte Bonmot übermittelt ist: „Der liest ja wie Goebbels“. Celans Vortagsstil stammt aus einem ganz anderen, komplett verschwundenen Deutschland; der Sound seiner Gedichte aber ist universal und wird von jeder Generation neu entdeckt. 

So auch morgen von einer Handvoll jüngerer deutscher Autoren: Aus Anlass von Celans 100. Geburts- und 50. Todestags in diesem Jahr gibt es unter dem Titel „Musik und Gespräch um Paul Celan“  eine hochkarätig besetzte Veranstaltung, die ursprünglich in der Münchener Residenz geplant war und nun aus bekannten Gründen als Streaming-Ereignis im Netz live auf Zoom und YouTube stattfindet: Anlässlich der Veröffentlichung des Buchs „,Schwerer Werden. Leichter sein’ Gespräche um Paul Celan mit Durs Grünbein, Gerhard Falkner, Aris Fioretos und Ulrike Draesner“ (Wallstein Verlag, 2020) sprechen – moderiert von der BR-Redakteurin Heike Simon – die Autoren Ulrike Draesner, Durs Grünbein, Aris Fioretos, Gerhard Falkner und der Literaturwissenschaftler und Philosoph Michael Eskin über die heutige Bedeutung Paul Celans. Die Pianistin Anna Gourari untermalt und kommentiert den Abend musikalisch. 

Die Veranstaltung der „Upper West Side Philosophers, Inc.“ kostet Eintritt. Karten können hier erworben werden. 

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Im „Freitag“ berichtet Rene Schlott, dass es längst nicht alle Länder Europas mit der Maske ähnlich genau nehmen, wie Deutschland und die vielen braven Bürger hierzulande. Auf einer Zugfahrt von Hamburg nach Aarhus hat er kurz hinter Flensburg ein interessantes Phänomen beobachtet: „Alle Fahrgäste nehmen ihre Maske ab, denn sie sind in einem Land angekommen, in dem es die Pflicht zur Mund-Nase-Bedeckung nicht gibt, weder beim Einkaufen noch in öffentlichen Verkehrsmitteln. Aus deutscher Sicht müssen die Dänen verrückt sein.“ 

In Bayern muss die Gesichtsbedeckung sogar unter freiem Himmel getragen werden, sogar auf dem Weg zum Tisch im Biergarten, und auch bei der Bergwanderung darf sie nicht fehlen. Mit Infektionsschutz kann das nichts zu tun haben, denn die Zahl der täglichen Neuinfektionen bewegt sich sowohl in Dänemark als auch in Bayern auf ähnlich niedrigem zweistelligen Niveau. 

Und siehe da: Auch Norwegen und Finnland haben sich gegen eine Maskenpflicht entschieden und verzeichnen trotzdem ein sehr geringes Infektionsgeschehen. In den Niederlanden darf man maskenfrei einkaufen. In Österreich wurde bereits Mitte Juni die Maskenpflicht in Geschäften aufgehoben. Schlott schreibt: „Angesichts des Blicks in unsere Nachbarländer muss die Frage erlaubt sein, ob sich der staatliche Eingriff in die Gesichter aller Menschen hierzulande noch rechtfertigen lässt.“ Seiner Ansicht nach – und meiner auch – sind in der Diskussion um die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen Mass und Mitte längst verloren gegangen. 

Nicht einmal im diktatorischen China gibt es eine Maskenpflicht. Dennoch wird hierzulande jeder kritische Einwand mit dem Verweis auf Leben und Tod zurückgewiesen. In der deutschen Debatte regiert die Angst. Es ist aber nicht die Angst vor dem Virus. Sondern es ist die Angst vor den Behörden, die die vorgeschriebene Geste der Solidarität zur Not mit einem saftigen Bußgeld durchsetzen. Es ist nicht die Vernunft, sondern es die Angst von Geschäftsleuten vor den Kontrollbehörden eines Staates, der ihnen bereits im Frühjahr schon einmal kurz gezeigt hat, wie schnell und nachhaltig er ihnen ihre Existenzgrundlagen entziehen kann. Und es ist die Angst vor Politikern wie Markus Söder, die sich als harte Macher profilieren wollen, und ein Thema wie Maskenpflicht populistisch ausschlachten.

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Derart angstgetrieben ist auch unser Kino und der Kunstbetrieb. Alle Filmemacher, alle anderen Künstler, die ich kenne, sind abgrundtief wütend über die kunstfeindliche Politik der Regierung und ihrer Helfershelfer in Verbänden, Festivalleitungen und Förderinstitutionen. Der einzige Grund, warum sie nicht laut werden und protestieren, ist ihre Angst vor den Konsequenzen. Dabei: Wenn alle protestieren würden, gäbe es keine. 

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Vor ein paar Tagen schrieb mir eine Empfängerin dieses Blogs, sie wünsche mir, dass ich Corona bekomme, und dass es mich möglichst schwer treffen möge. Das würde mir mein dummes Maul stopfen. Alles klar. Offenkundig war die Dame betrunken, als Sie diese Mail schrieb, und ich will ja auch gar nicht weiter auf den persönlichen Aspekt eingehen, sondern Euch liebe Leser, nur einmal einen kurzen Eindruck verschaffen über das Panorama der Reaktionen, die es auf diesen Blog gibt. Neben sehr sympathischen, freundlichen, fröhlichen, oder einfach neugierigen Mails gibt es auch sowas. Vielleicht ist das auch eine der Ursachen für die auch bei mir vorhanden Stimmungsschwankungen, die glaube ich, wenn man diesen Blog regelmäßig liest, erkennbar sind. Zugleich scheint mir eine derartige – man kann es nicht anders sagen: Hassmail – symptomatisch für die Stimmung im Lande, und für das, was Corona mit uns allen macht. Corona macht uns nämlich nicht zu besseren Menschen. Corona macht uns nicht zu nachhaltigeren Menschen. Corona verstärkt nicht unseren Sinn für Toleranz und für die Verschiedenheit der Anderen –  alles im Gegenteil: Corona spaltet. Corona triggert die schlechtesten Eigenschaften in uns allen, auch unsere Charakterschwächen. 

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Neulich habe ich, komplett aus einer Laune heraus, ein Buch gekauft, das mich vollkommen bezaubert: „Raumpatrouille“ von Matthias Brandt. Zuerst war ich ziemlich skeptisch. Denn ich finde Matthias Brandt zwar einen tollen und einen der interessantesten Schauspieler, die wir in Deutschland gerade haben; ich glaube aber keineswegs, dass notwendig jeder gute Schauspieler auch ein guter Romanautor ist. im Gegenteil. Aber schon die ersten Sätze haben mir beim Reinblättern in der Buchhandlung klargemacht: das Buch möchte ich lesen.

Es ist ganz großartig, wie Brandt dort die Nachkriegszeit schildert. Ich bin jünger als er, aber daran erinnere ich mich auch noch: Fahrten im Bus, in denen man dann Kriegerwitwen den Platz frei machen musste, und dabei in ihrem Gesicht so verstohlen neugierig wie ergebnislos nach irgendwelchen Spuren von Leid und Trauer suchte – als kleiner Junge! Die Invaliden mit ihren „unheimlichen Vertiefungen in den kahlen Schädeln oder mit violetten, in ihrer Form an die Kontinente im Diercke Weltatlas erinnernden Brandmalen. Sie waren Übriggebliebene.“ Und andere Folgen des Krieges, der damals näher war, als heute die 80er-Jahre. 

Schon der Titel „Kleiner Schritt noch“ ist ziemlich subtil, und typisch für Brandts Formulierungsart, wenn es dann mit dem Satz losgeht: „An einem Tag im Jahr der ersten Mondlandung fuhr ich mit dem Oberleitungsbus der Linie 16 in die Stadt zur Buchhandlung“, um dann davon zu handeln, wie sich der Achtjährige statt Schulbücher eine sogenannte Astronautenausrüstung kauft. 

Oder die Geschichte über den Kampf der Hunde, der stellvertretend für den Kampf der zwei Deutschlands steht. Das linksliberale gewinnt. Und dann die Kindheit eines Jungen, der kein ganz gewöhnlicher Junge ist, sondern ein berühmter, der es hasst, aber auch manchmal genießt berühmt zu sein, der jedenfalls vom  Gefühl ist, etwas ganz Besonderes zu sein, etwas Einmaliges. Das haben wahrscheinlich alle in diesem Alter. Und vielleicht in dieser Zeit vielleicht etwas mehr als in anderen. 

Solche kleinen Geschichten bilden zusammen eine Erzählung und fügen sich zu einer losen, subjektiven Chronik der Jahren um 1970. 

Es ist natürlich auch deshalb großartig, weil man weiß, dass Matthias Brandt der Sohn von Willy Brandt ist, und man deswegen nicht nur sehr gut geschriebene Geschichten liest, in denn ein kleiner Junge im Zentrum steht, und mit diesem kleinen Jungen erwachsen wird, sondern man liest auch eine Art imaginäre Autobiografie des Sohnes von Willy Brandt. Wenn der Junge von „der Mutter“ spricht, sieht man Rut Brandt und wenn er von den verschiedenen Mitarbeitern redet, dann hat man ein Bild vor Augen von Menschen in grauen Anzügen und grauen Kravatten, denn Fernsehen war damals noch Schwarz-Weiß. Dies ist auch insofern eine dokumentarische Geschichte, als dass es der Sound und die Bilder, ja der Geruch der alten Bundesrepublik sind, die vor dem inneren Auge aufsteigen. Und zwar der ganz alten Bundesrepublik,  nicht etwa der späten 70er, 80er und frühen 90er Jahre, nicht Weizsäcker Kohl Schröder und Fischer, Nein! Sondern einer Bundesrepublik in der die Hausmeister „Haltung annehmen“, wie der Junge zitiert, wenn eine neue Familie einzieht, eine Bundesrepublik, in der die Menschen Schäferhunde haben, die Ajax heißen.

Einer der tollsten unter den vielen tollen Sätzen von Matthias Brandt heißt: „Menschen hießen damals so wie heute Labradore heißen.“

Wer nicht weiß, warum das Buch „Raumpatrouille“ heißt, für den ist es allerdings nicht geschrieben. 

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Ein gutes Dutzend Bundestagsabgeordneter der Regierungsparteien CDU/SPD will Corona und den Shutdown jetzt als Vorwand benutzen, um  Prostitution in Deutschland generell zu verbieten. Unter ihnen auch hier mal wieder unser Freund Karl Lauterbach. Das Gewerbe habe die Wirkung eines „epidemiologischen Superspreaders“, der Shutdown für das Gewerbe dürfe nicht gelockert werden, heißt es in der Erklärung der 16 Parlamentarier, bis auf Lauterbach und Ex-Gesundheitsminister Hermann Gröhe Hinterbänkler. 

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Jetzt soll „Otto – der Film“ zensiert werden, wegen des Vorwurfs eines angeblichen Rassismus. Ausgerechnet ein Drehbuch, dass von der Gruppe um Robert Gernhardt und der „Neuen Frankfurter Schule“ verfasst wurde. Oder ist das doch nur eine Werbemaßnahme? 

Es passt jedenfalls zu dem Offenen Protestbrief, in dem Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler wie Margaret Atwood, Joanne K. Rowling, Feminismus-Ikone Gloria Steinem, Salman Rushdie, Noam Chomsky, der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann und viele mehr vor einer Woche in „Harper’s Magazine“ für Gerechtigkeit, offene Debatte, den freien Austausch von Informationen und Ideen plädieren, und gegen ideologischen Konformismus und gegen den Aufstieg der Illiberalität auch auf Seiten der Linken und ehemals Liberalen protestieren. 

Man kann es derzeit überall beobachten: In den Denkmalstürzen in der westlichen Welt, in schwarzen und weißen Checklisten, die fördern und zurückweisen, finanzieren und Geld entziehen, erlauben und verbieten, belohnen und bestrafen.  Eine kleine Minderheit kapert die legitimen und durchaus wichtigen Anliegen einer Mehrheit.

Ein Klima der Zensur und der Angst greift um sich. Und es ist politisch gewollt: Denn Corona wird zum Vorwand für die Macht, um in ihrem Sinne aufzuräumen. In der Kinolandschaft wie anderenorts in der Kultur. 

Die linken Tugendwächter sind da genau die richtigen nützlichen Idioten.

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Alle machen Sommerpause. Markus Lanz jetzt auch, und Maybritt Illner. Es ist wie immer die Zeit der „Tatort“-Wiederholungen und schlechter Skandinavien-Krimis. Nur der Corona-Virus macht keine Sommerpause, im Gegenteil: In Kalifornien, in Israel ist die zweite Welle da, in Lateinamerika die erste noch nicht weg, woanders holt Corona gerade Luft, 13 Millionen, 859486 weltweit bestätigten Corona-Fällen – also einem Nichts angesichts fast acht Milliarden – stehen 591156 Tote gegenüber, etwa 4,2 Prozent. Der Tod ist ein Schnitter. 

„Zahlen sind Konsens, nicht wissenschaftlich fundiert“, sagte Christian Drosten in seinem letzten Podcast. Als erster hat Drosten Sommerpause gemacht. Während sein Konkurrent Alexander S. Kekulé zwar später begann, inzwischen aber bereits den 82. Corona-Podcast in den Äther gejodelt hat, und damit auch uns längst übertroffen, hat sich Drosten bereits am 23.Juni mit der Nummer 50. in eine mindestens sechswöchige Sommerpause verabschiedet. Ob es eine Selbsthilfegruppe für Drosten-Süchtige gibt?

Die Pause hat Drosten, noch mehr als der zuletzt arg gestresst wirkende Markus Lanz, aber auch bitter nötig. 

Auf die ohnehin schon alles andere als optimistischen, prinzipiell-besorgten, trotzdem immer im Möglichkeitssinn gehaltenen Fragen der Moderatorin hin zeigte sich Drosten zuletzt immer pessimistischer, als Mahner und Warner. 

Dass es mal ganz anders war, daran darf man zumindest erinnern: In den ersten Podcasts ging es um Chancen und Pragmatismus, aber je länger seine Rolle als Medienexperte dauert, um so prinzipieller und politischer äußert sich Drosten – was nicht seine Aufgabe ist. 

Am 21. Januar wurde Drosten erstmals im Deutschlandfunk interviewt. Da hält er Corona nicht für besonders lebensbedrohlich: „Ich glaube nicht, dass man als Bürger Sorge haben muss um die eigene Gesundheit.“

Natürlich lernen wir alle fortwährend dazu. Jetzt sagt Drosten: „Ich bin nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt, was die Epidemie-Tätigkeit angeht. In zwei Monaten werden wir ein Problem haben, wenn wir nicht jetzt wieder alle Alarmsensoren anschalten, und wenn nicht auch jetzt wir wieder einsehen, dass die Gesundheitsbehörden in der Bevölkerung Unterstützung und Konsens brauchen, und dass das, was im Moment in einigen Teilen der Gesellschaft immer noch passiert, auch zersetzend ist für genau das, was unsere große Kraft gewesen ist im Frühjahr, nämlich der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Informiertheit der allgemeinen Bevölkerung.“

Ich zitiere das deshalb so ausführlich wörtlich, weil ist es leichtfertig finde, wie der Virologe hier auf einem Feld, von dem, er nicht mehr versteht, als jeder Zeitungsleser mit Begriffen wie „zersetzend“ hantiert, und wie er jede Form der Kritik über diesen gleichen Leisten schlägt. 

Kritik und das Recht auf Kritik, auch das Recht der Un-Informierten auf kritische Nachfragen und Anmerkungen sind, dass muss man Drosten an dieser Stelle deutlich entgegenhalten, nicht nur die Essenz der Demokratie, sondern auch gerade die Bedingung dafür, dass das Vertrauen in die Gesundheitsbehörden nachhaltig besteht, und dass deren große Teile auch auf größere Strecken den Seuchenbekämpfung mitgenommen werden. 

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Auch zum Medien-, Lobby- und Politikerbashing neigt der Virologe, so als stünde er über allen Parteien und Interessen: „Ich weiß dass das jetzt wieder von den Zeitungen verkürzt dargestellt werden wird  […] Einerseits bin ich Bürger. Andererseits bin ich auch Wissenschaftler. Und die Wissenschaft hat ein eiskaltes Händchen. Die Wissenschaft ist nicht so, dass man sich mit der […] hintenrum noch mal unterhalten und sagen kann: Hey Wissenschaft wir sind uns doch einig, in Wirklichkeit wollen wir doch das gleiche, und jetzt änderst du mal hier ein bisschen deine Meinung. Die Wissenschaft hat keine Meinung.

Wenn Medienstars in den Medien Medienschelte betreiben, hat das auch ein Geschmäckle. Vor allem aber ist das einfach nur wahnsinnig naiv. Drosten mag ein exzellenter Virologe sein, aber er hat weder von Politik noch von Wissenschaftstheorie besonders viel Ahnung, sonst könnte er so einen Satz nicht formulieren. Denn selbstverständlich ist keine Wissenschaft absolut objektiv. 

Drosten aber glaubt, und das zeigt, auf welchem hohen Ross er innerlich gerade sitzt: „Der hohe Wert der Wissenschaft für die Gesellschaft wird in diesen Wochen deutlicher als jemals zuvor.“

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Es sei wichtig, sich „über generelle Dinge Gedanken zu machen“, behauptet Drosten: und nennt dann „die Enthemmung durch Alkohol“ oder „laute Musik, gegen die man anschreit“. 

Das mag alles sachlich richtig sein. Ich möchte aber erwähnt haben, das solche Ideen auch genau in das Konzept eines mehr und mehr machtergreifenden Puritanismus passen, zu dessen Idol und Stimme Drosten sich macht. Sie passen ins Konzept einer neokonservativen Bürgerlichkeit, die alles, was mit Exzess, mit dem Proletarischen, mit dem Nicht-Bürgerlichen zu tun hat, am liebsten ausscheiden und vor den Mauern der Gesellschaft abspalten will. Die sich eine Welt wie aus dem Manufactum-Katalog erträumt, und die auch genug Geld hat, um sie sich leisten zu können. Eine solche Gesellschaft trinkt dann keinen Alkohol mehr, sondern Rhabarberschorle und Bionade. Eine solche Gesellschaft hört keine laute Musik mehr sondern Pianosonaten von Bach

Eine solche Gesellschaft hat Juli Zeh in ihrem Roman „Corpus Delicti“ beschrieben. Dazu mehr am Montag. 

Ein schönes Wochenende!

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