Die Preisträger 2015 (v.l.n.r. Knut Elstermann, Levin Peter, Johannes Waltermann, Andrina Mracnikar, Sebastian Thaler, Ju Lee, Simon Schwarz, Simon Riedl, Alexandra Staib) © Jirka Jansch

Die Deutsche Filmakademie verleiht seit 2000 jährlich einen Nachwuchspreis für Abschlussfilme von Studierenden an den Filmschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Preis, der auf eine Initiative der Produzenten Bernd Eichinger und Nico Hofmann zürückgeht, „präsentiert der Branche das hohe kreative Potenzial des Nachwuchses und erleichtert den Absolvent/innen die ,ersten Schritte’ in den Beruf.“ heißt es auf der Webseite der Filmakademie, und die folgende Auswertung der letzten 15 Jahre soll genau dies überprüfen, in den drei – von insgesamt sieben – Kategorien Abendfüllender Spielfilm, Mittellanger Spielfilm (bis 60 min.), und Kurzfilm / Animation, also den fiktionalen Formaten.

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Die meisten Preise gingen an die Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg, die auch am häufigsten nominiert wurde. Anders sieht eine getrennte Betrachtung der drei Filmgruppen aus. Spitzenreiterin bei den Nominierungen zum Abendfüllenden Film ist mit Abstand die DFFB (29), gefolgt von der HFF München (17). Die Filmakademie Ludwigsburg und die HFF München führen das Mittellange Feld an, und im Kurz-/Animationsfilm stehen gleich vier Filmschulen an der Spitze mit jeweils 11 Nominierungen: die Filmakademie Ludwigsburg, die Media School Hamburg, die Kunsthochschule für Medien Köln und die Zürcher Hochschule der Künste, die in keiner anderen Spielfilmrubrik nominiert wurde. Hier lässt sich erahnen, dass Filmhochschulen bezüglich der Grundfinanzierung der Abschlussfilme ziemlich unterschiedlich ausgestattet sind.

Freie Produktionen außerhalb des Hochschulkontextes kommen immerhin auf 13 Nominierungen, darunter sechs für abendfüllende Filme – mit einer Auszeichnung im Jahre 2003 für den Film FREMDER FREUND von Elmar Fischer. Acht Filmschulen, die nicht dem Internationalen Filmhochschulverband angehören, sind mit elf Nominierungen vertreten, sechs davon finden sich in der Kategorie Kurz-/ Animationsfilm und nur eine in der Kategorie Langfilm.
Wie lang oder kurz ein nominierter Abschlussfilm ist beeinflusst nicht zwangsläufig die weiteren Schritte im Beruf. Marc-Andreas Borchert, der 2000 für seinen Kurzfilm KLEINGELD nominiert wurde, arbeitete in der Folge rund zwanzig Mal für das Fernsehen, Anne Høegh Krohn, im selben Jahr mit FREMDE FREUNDIN unter den langen Spielfilm-Nominierungen, hat seitdem einen TV- und einen Kinofilm gedreht. Insofern ist eine Auswertung der Nominierungen und Folgearbeiten der Regisseur*innen nach Geschlecht sinnvoll.

Abbildung 2 zeigt die prozentuale Verteilung von weiblichen und männlichen Nominierten in den fiktionalen Kategorien von 2000 bis 2015 mit der Referenzlinie 42 %, dem durchschnittlichen Frauenanteil unter den Absolvierenden an den deutschen Filmhochschulen der letzten 20 Jahre (Quelle: Pro Quote Regie). Der Anteil für nominierte Dokumentarfilme ist ebenfalls ergänzt.

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Abbildung 3 zeigt den Frauenanteil unter den Nominierten und Gewinnerfilmen für die drei fiktionalen Kategorien:

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Filme von Frauen sind also keineswegs schlechter als die ihrer Kollegen, wenn Juryentscheidungen ein Maßstab sind, im Gegenteil: der Frauenanteil unter den Preisträger*innen (40,4 ) ist höher als der unter den Nominierungen (34,3 ). Dieses Phänomen gibt es nicht nur bei Abschlussfilmen, wie eine Untersuchung des Instituts für Medienforschung der Universität Rostock zum Festivallauf von Filmen herausfand:

„Nur jeder fünfte Film (22 %) der Jahre 2009 bis 2013 wurde von einer Frau inszeniert. Diese Filme bestechen offensichtlich durch eine hohe Qualität, denn Filme von Frauen erhalten häufiger Filmpreise und laufen viel erfolgreicher auf Festivals. Dieser Erfolg ist bemerkenswert, bedenkt man neben der Unterrepräsentanz von Frauen in der Filmproduktion, dass ihre Filme in der Regel finanziell schlechter ausgestattet sind. (…) Im Mittelwert erhält ein Film, den eine Frau inszeniert hat ca. 660.000 Euro Filmförderung, während ein Film, den ein Mann inszenierte, über 1.000.000 Euro erhielt.“ (Quelle: Elizabeth Prommer / Skadi Loist, Wer dreht deutsche Kinofilme? Genderreport 2009-2013, Februar 2015).

Und wie sieht es mit der erwähnten „Erleichterung der ersten Schritte“ der Nachwuchsregisseur*innen aus? Um dies herauszufinden habe ich verglichen, wie viele Filme (Kinofilme, TV-Filme bzw. TV-Serien) die Regisseur*innen der nominierten Filme innerhalb der ersten sieben Jahre nach Nominierung für den FIRST STEPS AWARD inszeniert haben.

Es überrascht zunächst, wie viele Nominierte bei Null stehen; 17 von 43 Regisseurinnen (= 40 %) und 28 von 93 Regisseuren (= 30 %) haben in ihren ersten sieben Jahren weder Kino- noch Fernsehspielfilme noch Fernsehserien inszeniert.

Die meisten übrigen drehten ihren nächsten Kinofilm innerhalb der sieben Jahre (Regisseurinnen im Schnitt 1,1 Filme, Regisseure 1,0). Der große Karriereunterschied kommt durch das Fernsehen. Bei Filmen erreichen die Männer hier einen Durchschnittswert von 0,9 gegenüber den 0,5 der Frauen, bei Serienformaten sind die Werte 0,5 bzw. 0,3 pro Person über die sieben Jahre. Das heißt, dass die nominierten Regisseure fast doppelt so häufig Fernsehaufträge bekommen wie ihre Kolleginnen.

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Spitzenreiter Hannu Salonen drehte neun Fernsehfilme in den ersten sieben Jahren nach seinem Abschluss, darunter drei Tatorte und zwei Polizeirufe, allerdings keinen Kinofilm. Vanessa Jopp, die wie Salonen 2000 ihren Abschluss machte und den FIRST STEPS AWARD für VERGISS AMERIKA gewann, drehte im gleichen Zeitraum einen Tatort und zwei Kinofilme.

Woher kommen diese Unterschiede? Haben Regisseure und Regisseurinnen unterschiedliche Ambitionen? Oder werden sie von Beginn an unterschiedlich gefördert? Was motiviert eigentlich Sender und Redaktionen, Nachwuchsregisseur*innen und No-Names ein großes Projekt, sei es einen Tatort oder einen Fernsehfilm, anzuvertrauen? Ist es das Charisma? Die Qualität des Abschlussfilms? Die Filmhochschule? Vitamin B? Ist Geschlecht das erste (Ausschluss-)Kriterium?

Ich habe Hannu Salonen nach dem Beginn seiner Fernsehkrimikarriere gefragt, die ihn nur wenige Jahre nach seinem Nicht-Krimi-Abschlussfilm DOWNHILL CITY bereits zu den ersten drei von bisher rund elf Tatorten führte: DER VIERTE MANN (Berlin 2003), FEUERTAUFE (Leipzig 2004) und STERNENKINDER (Kiel 2005). Er antwortete u.a.:

„DOWNHILL CITY war festivaltechnisch durchaus ein Erfolg, für mich persönlich zeigte sich eine eher schwierige Seite des Kunstkinos: letzlich sahen den Film nur wenige Leute und ein recht auserwähltes und so weit auch ein elitäres Publikum. Ich entdeckte den Filmemacher in mir, der Massen erreichen wollte – nicht nach dem Motto „Koste was es wolle“, aber so, dass die Filme jeweils Unterhaltsamkeit mit Anspruch verbinden. Ich wollte von da an möglichst viele Leute erreichen.
Es gibt aber noch etwas, was mir letzlich den Stoß in jene „kommerzielle“ Richtung gab. Es war mein Hintergrund, meine finnische Heimat. Ich wuchs in der Nähe von grossen, dunklen Wäldern und Wikingergräbern – das war meine seelische Heimast. Sie war stes mystich, spannend und dunkel. Natur spielt darin eine grosse Rolle – bis heute. Diese Welt, die wir nicht rational beherrschen können, hat mich immer fasziniert. Erst nach meiner „Kunstphase“ an der dffb fand ich mich zurück zu meinen Ursprüngen, zu Filmen, die nicht den Alltag schilderten, sondern eine mythische Narrative hatten und oft böse und blutig endeten.“

Der Wunsch des Regisseurs, seine Filme einem größeren Publikum zu zeigen und die Entscheidung, sich deshalb vom Arthousekino zum Fernsehen zu wenden ist nachvollziehbar. Erfreulich ist gleichzeitig, dass es geklappt hat und er von Beginn seiner Karriere an Aufträge für Fernsehfilme, für Fernsehkrimis bekam.

Wer dies ermöglicht hat habe ich leider nicht herausfinden können. Allerdings ist Salonen kein Einzelfall. Es wird immer Regisseur*innen geben, die aus verschiedenen Gründen einen besseren Start haben als andere. Nur, wenn Männer in ihren ersten sieben Karrierejahren mehrheitlich deutlich mehr Fernsehaufträge bekommen als Frauen, dann kann neben eventuell unterschiedlichen Vorlieben eine strukturelle Benachteiligung vermutet werden.

Die gesellschaftliche Realität, die von deutlich weniger Frauen als Männern in politischen und wirtschaftlichen Führungspositionen, in Talk-Shows, Kongresspanels u.a.m. gekennzeichnet ist, sowie eine quantitativ und qualitativ unterschiedliche Darstellung der Geschlechter im fiktionalen Fernsehprogramm („Männer handeln, Frauen hören zu“) umgibt auch die Entscheidungsträger*innen bei den Sendern. Für sie ist es auch ,normal‘, dass Frauen kaum vorkommen, deshalb merken sie vielleicht gar nicht, wie stark Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen bei der Auftragsvergabe benachteiligt werden.

Und damit zurück zu den FIRST STEPS AWARDS: Nachwuchsförderung im Allgemeinen und Frauenförderung im Speziellen sind auch im Regiebereich wichtig, um dem Kino- und Fernsehpublikum ein möglichst vielfältiges Sehangebot zu machen, das hat u.a der Diversitätsbericht des Regieverbands gezeigt. Und es macht ja auch Sinn, die aufwändig ausgebildeten Absolvent*innen an Filmhochschulen nicht nur mit einer nominellen Auszeichnung zu versehen, sondern ihnen eine praktische Starthilfe für ihre berufliche Laufbahn zu geben. Wie meine Analyse gezeigt hat, sind unter den Nominierten/Gewinnern des FIRST STEPS AWARDS nur wenige, die darauf folgend auch erfolgreich Fuß auf dem Film- und Fernsehmarkt gefasst haben. Warum sollte auf neue Talente verzichtet werden? Also, wie wäre es, allen in den fiktionalen FIRST STEPS-Kategorien Nominierten innnerhalb von sieben Jahren – oder besser noch einer kürzeren Zeitspanne – die Realisierung eines regulären Fernsehfilms zu garantieren, Männern wie Frauen?

Natürlich nur den Regisseur*innen, die an einer Arbeit für das Fernsehen interessiert sind. Ob es da grundlegende Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt – Arthouse gegen Kommerz – wäre eine interessante Frage für die nächste Umfrage unter Studierenden.

Dieser Text ist die Kurzfassung des im Blog SchspIN – Gedanken einer Schauspielerin erschienenen Textes Als Hannu Salonen anfing, Fernsehkrimis zu drehen

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