Tarifverhandlungen: Zeit vor Geld

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Ohne einen geltenden Tarifvertrag könnte es wieder einen Rückschritt in alte Zeiten geben, fürchtet Matthias von Fintel, Tarifsekretär der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft. „Die Drehbedingungen in den letzten Monaten stimmen da nicht besonders optimistisch.“ | Foto © Verdi

Die Branche verhandelt zurzeit über einen neuen Tarifvertrag. Oder eher nicht, denn die ersten beiden Verhandlungsrunden blieben ohne Ergebnis. Wir nutzen den Stillstand, um die Positionen, Probleme und Folgen zu klären. Den Anfang macht Matthias von Fintel, Tarifsekretär der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi).

Herr von Fintel, Verdi ist mit relativ zahmen Forderungen in die Tarifverhandlungen gegangen. „Top-Priorität“ sollten erträgliche Arbeitszeiten haben. Die Diskussion um höhere Gagen stellten sie bis zum Sommer zurück. Warum?

Über den Begriff „zahm“ muss ich mich etwas wundern, weil es uns bei Tarifforderungen nicht Wildheit geht. Wir schauen, auf unsere Wünsche und Einschätzungen vor einer Tarifrunde und befragen dazu Mitglieder und Nichtmitglieder. Dann beraten wir im Tarifausschuss und haben dann in diesem Jahr die Gagenerhöhung nicht als vorrangige Forderung ausgemacht. Wichtiger war den Befragten und dem Tarifausschuss bei der Arbeitszeit planbare Freizeiten am Wochenende, 5-Tage-Woche, Ruhezeiten und Zuschläge zu bestimmten Zeiten zu fordern.

Die Allianz deutscher Produzenten hat Ihren Vorschlag trotzdem abgelehnt. Gab es eine Begründung?

Es war eher eine typische und schwer nachvollziehbare Reaktion der Produzentenallianz, es sei nicht die richtige Zeit für die von uns geforderten Verbesserungen und überhaupt seien die auch materiell überzogen. Aber auch auf weitere Nachfragen hat sich wenig inhaltliche Befassung und Verständnis für die gewerkschaftlichen Forderungen erkennen lassen. Mit mangelnder Verhandlungsbereitschaft ist dieses Verhalten zu umschreiben.

Wenn die Produzentenallianz darauf eingegangen wäre, hätte Verdi vielleicht sogar ganz auf eine Gagenerhöhung verzichtet, haben sie nach dem Scheitern der zweiten Verhandlungsrunde im Januar erklärt. Die Arbeitszeiten scheinen Ihnen ja besonders am Herzen zu liegen.

Das ist die verbreitete Auffassung in der Umfrage unter Filmschaffenden und in unserem Tarifausschuss gewesen: dass es in diesem Jahr um Arbeitszeiten geht. Die Erfahrungen der Drehs unter Corona-Bedingungen haben diese Orientierung sicherlich mitgeprägt – und der Wunsch nach etwas mehr industriellem Arbeiten auch in dieser Kreativbranche.

Über die Arbeitszeiten an manchen Sets wurde ja schon vor Corona diskutiert. Wie sieht es denn Ihrer Kenntnis nach zurzeit bei den Dreharbeiten aus?

Ganz klar haben die Masken-Pflicht, Covid-Tests und diverse Auflagen bei Filmproduktionen, übrigens auch in der Pre- und Postproduction, zu längeren Arbeitszeiten und mehr Druck auf den Produktionstagen geführt. Und nach den Drehausfällen oder -unterbrechungen im ersten Halbjahr auch zu enorm getakteten Engagements der Kolleg*innen über den Rest des Jahres, eigentlich auch über den gesamten Winter bis heute.
Ein besonders anstrengendes Jahr, Tag für Tag. Ein dringender Wunsch nach Entschleunigung, weil sich die auch durch Geld schlecht aufwiegen lässt, das finde ich mehr als verständlich.

Gedreht wird unter den Hygienevorschriften, die vieles langsamer und umständlicher machen. Ausreichende Ruhezeiten und die Obergrenze von zwölf Arbeitsstunden pro Tag seien da umso wichtiger, sagt Verdi. Das bedeutet für die Produktion mehr Drehtage. Spiegelt sich das in den Kalkulationen oder Arbeitsverträgen wider? 

Hier sind die Auftraggeber, also zumeist Rundfunksender, in der Pflicht. Mehr Drehtage waren vor und sind nach und noch mehr während Corona ein Thema, das wir nur zum geringsten Teil in der Hand haben. Aber zu geordneten Drehabläufen und geregelten Maximalarbeitszeiten tragen wir als Gewerkschaft unseren Teil dazu bei. Dass Rundfunksender aber auch während der Pandemie nur zur Hälfte die corona-bedingten Mehrkosten zu tragen bereit sind, zeigt ein unterentwickeltes Bewusstsein für die Arbeitsbedingungen in der Auftragsproduktionskette.

Verdi hat der Produzentenallianz ein Ultimatum gestellt: „Bis zum 31. März stehen wir noch für intensivierte Verhandlungen, im Sinne von echter Suche nach Kompromissen zur Verfügung“, haben Sie gesagt. Was passiert dann? Streiks wie in den USA kann sich ja in der deutschen Filmbranche niemand vorstellen.

Zunächst gilt nach dem Scheitern der Verhandlungen der Tarifvertrag für Filmschaffende nicht mehr verbindlich, daraus leitet sich auch ab, dass es die während eines laufenden Tarifvertrags geltende Friedenspflicht für Verdi nicht mehr gibt.
Andererseits dürfen die Arbeitgeber von den tarifvertraglichen Mindestbedingungen abweichen, die tarifvertragliche Arbeitszeitregelung ist dann aber auch ungültig.
Was dann passiert? Ein gewisses gewerkschaftliches Überraschungsmoment gehört dann natürlich auch dazu. Streiks sind in den USA übrigens auch nicht so häufig, da streikt Verdi in anderen Medienbereichen deutlich häufiger. Klar ist aber auch: Die Filmschaffenden hier haben kaum Streikerfahrungen, und die befristeten Arbeitsverhältnisse machen Arbeitskampf nicht leicht. Anderseits gibt Verdi als starke Gewerkschaften die Zusicherung zu Rechtsschutz und Anspruch auf Streikgeld. 

Wenn kein neuer Tarifvertrag geschlossen wird, gilt unter anderem das Arbeitszeitgesetz. Das heißt maximal zehn Stunden am Tag, feste Ruhepausen, freie Wochenenden und kaum Überstunden. Das müsste Sie doch freuen. 

Das Arbeitszeitgesetz ja allen bekannt, auch in Branchen, in denen keine Tarifverträge gelten. Manch Filmschaffender hat vielleicht auch schon mal in der Veranstaltungswirtschaft oder anderen Projektbeschäftigungen Erfahrungen gemacht, die Einhaltung von täglichen Arbeitszeiten hat da meist nicht die Top-Priorität. So war es in Filmproduktionen auch, als es noch gar keine Arbeitszeitgrenzen im TV FFS gab. Erst mit der schrittweisen Senkung der Maximalarbeitszeit auf zwölf Stunden hat es eine Bändigung der täglichen Arbeitszeit gegeben. Auch das nicht in allen Fällen, aber dann hatten wir neben dem Arbeitszeitgesetz auch durch den von den Produzenten unterzeichneten Tarifvertrag ein gutes Mittel in der Hand, gegen Arbeitszeitverstöße vorzugehen. Ich befürchte, dass es ohne einen geltenden Tarifvertrag eher wieder einen Rückschritt in alte Zeiten geben könnte oder ein Schrauben an den Gagensätzen, vor allem bei Assistent*innen in den einzelnen Gewerken. Die Drehbedingungen in den letzten Monaten stimmen da nicht besonders optimistisch.

Die Situation hatten wir vor ein paar Jahren schon einmal. Muss die Produzent*innen-Seite davor keine Angst haben? 

Angst? Ich glaube es geht um rationalere Abwägungen und die Frage, ob die Produzentenallianz einen fair abgewogenen Tarifvertrag mit uns abzuschließen bereit sein wird.

Sie verhandeln nach eigenen Angaben für rund 25.000 Filmschaffende. Tarifbindung gilt allerdings nur für Mitglieder von Verdi oder assoziierten Berufsverbänden. Wie viele sind das denn tatsächlich?

Die Zahl 25.000 bezieht sich auf die Größe des Arbeitsmarktes in der Branche und ist eine wichtige Info für die Presse. Wir gehen von etwa 25 bis 30 Prozent gewerkschaftlich organisierten Filmschaffenden aus. Ich finde, es könnten mehr werden bei den verhandelnden Gewerkschaften Verdi und BFFS. Übrigens: längst nicht alle Produktionsfirmen sind tarifgebunden, im Einzelfall wissen wir aber oder bekommen es raus, ob eine Produktion sich an den Tarifvertrag halten muss.

Die Arbeitnehmer*innen in der Filmbranche vertritt auch die Mediengewerkschaft VRFF (Vereinigung der Rundfunk-, Film- und Fernsehschaffenden). Warum gibt es keine Zusammenarbeit am Tarifvertrag? 

Ich habe den Eindruck, dass die VRFF im Filmbereich ihre Eigenständigkeit sucht, eine wirksame Interessenvertretung kann ich derzeit noch nicht erkennen. Für Verdi ist auch in dieser Film-Branche entscheidend, eine starke Vertretung der eigenen Mitglieder-Interessen zu organisieren und zu erreichen. Darauf legen auch unsere Mitglieder in Rundfunkanstalten großen Wert, wo die VRFF auch schon mal Mitglieder vertritt. Am Ende führt dies die VRFF meist in eine nachträgliche Unterzeichnung der zuvor von Verdi erreichten Tarifverträge.

Und falls die Tarifverhandlungen scheitern: Können sie sich dann gemeinsame Streikaktionen vorstellen?

Die Sache ist viel einfacher, wenn Verdi zum rechtmäßigen Streik für die geforderten Tarifziele bei einem Arbeitgeber aufruft, dürfen Verdi-Mitglieder aber auch alle anderen Beschäftigten mitstreiken, das ist ein grundgesetzlich geschütztes Recht. 

Neben oder vielleicht auch wegen dieser Arbeitsbedingungen haben viele Produktionen inzwischen ein massives Personalproblem, dass sie ebenfalls ansprechen: Menschen wandern in andere Branche ab, es mangelt an Fachkräften und an Nachwuchs. Gibt es wenigstens hier ein konstruktives Miteinander mit der Produzentenallianz?

Ehrlich gesagt sind diese Bewegungen am Arbeitsmarkt derzeit schwer zu prognostizieren. Aber die These ist jedenfalls durch Erfahrungen bereits aus der Zeit vor der Pandemie belegt.

Stellen wir uns mal vor, ein neuer Tarifvertrag gelingt doch. Welche Themen stehen sonst noch ganz oben auf der Agenda der Verdi-Filmunion?

Zum Teil ist das vorher schon angesprochen worden, es sind die Arbeitszeiten und Drehtage in Produktionen. Darüberhinaus die Entwicklung der Finanzierung von Kinofilmen, denen Förderungen massiv wegbrechen werden. Aber auch im TV-Bereich ist unklar, wie sich angesichts der in Sachsen-Anhalt auf Drängen national-konservativer Kräfte, oder deutlicher: einer extremen Rechten, in einem Länderparlament blockierten Erhöhung der Rundfunkabgabe sich auf die Beauftragung von Fernsehfilmen, -serien und -dokumentationen auswirken wird. In den Rundfunkanstalten werden zurzeit zugesagte Aufträge noch abgearbeitet, danach dann nur noch auf Sicht, sprich mit weniger Ausgaben gearbeitet werden. Inwieweit der hiesige Filmproduktionsstandort durch hochwertige Serien für Streaming-Plattformen gerettet wird, ist die große Frage für die deutschen Filmschaffenden.

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